Mediation bei Unternehmensnachfolge im Handwerk – wirtschaftlichen Erfolg und familiären Frieden sichern. 

Phase 1 & 2 – Einführung & Bestandsaufnahme

Ein Praxisfall aus der Wirtschaftsmediation – Serie Teil 3 von 7: Einführung & Bestandsaufnahme

Vier Einzelgespräche – vier Perspektiven auf denselben Konflikt

Zur Vorbereitung der Mediation führe ich – wie in der Vorlaufphase vereinbart – mit jedem Mediant ein kurzes Einzelgespräch. Niemand wurde dazu gedrängt; jeder hat sich, dem Prinzip der Freiwilligkeit folgend, selbst bei mir gemeldet. Was ich in diesen vier Gesprächen höre, zeigt mir schon vor der ersten gemeinsamen Sitzung, wie unterschiedlich die Familienmitglieder auf den Verlust und die anstehenden Entscheidungen blicken. Dies ermöglicht mir Arbeitshypothesen, die für die Vorbereitung der Mediation von entscheidender Bedeutung sind:

Sieglinde Saw wirkt gefasst, aber erschöpft. Sie sagt: „Ich habe Siegmund 35 Jahre lang den Rücken freigehalten, damit er sich auf die Firma konzentrieren konnte. Jetzt soll ich plötzlich Entscheidungen treffen, vor denen er sich sein Leben lang gedrückt hat.“ Zwischen den Zeilen spüre ich zweierlei: die Angst, dem Erbe ihres Mannes nicht gerecht zu werden – und die leise Sorge um den Familienfrieden. Ihr Wunsch nach Erhalt von Firma und Immobilien ist unmissverständlich, ebenso ihr Bedürfnis, dass die Geschwister sich am Ende noch „in die Augen schauen können“.

Maike Saw kommt direkt aus der Werkstatt, riecht noch nach Holz. Sie ist ungeduldig, aber nicht unfreundlich: „Ich habe keine Zeit für lange Grundsatzdebatten. Die Firma braucht jetzt Entscheidungen – neue Maschinen, neue Geschäftsfelder. Ich will einfach die Sicherheit, dass ich das machen kann, was Papa mir versprochen hat.“ Hinter dieser Sachlichkeit liegt, wie ich vermute, eine tiefe emotionale Bindung an den Betrieb – und die unausgesprochene Furcht, dass ihre jahrelange Arbeit am Ende nicht in Eigentum, sondern nur in einem Gehalt mündet.

Gandolf Bieber wirkt zunächst reserviert, fast ein wenig steif. Er betont mehrfach, dass es ihm „nicht ums Geld“ gehe, korrigiert sich dann aber selbst: „Naja – es geht schon auch ums Geld, wenn ich ehrlich bin. Aber vor allem geht es darum, dass ich in dieser Familie nicht ständig als der gelte, der beruflich ‚nichts Vernünftiges‘ macht.“ Ich registriere diesen Widerspruch, ohne ihn aufzulösen – er wird uns in der Verständigungsphase (Phase 3) noch beschäftigen. Spürbar ist auch, dass er zwischen eigenem Anspruch und dem Erwartungsdruck seiner Frau Eva steht, den er nicht offen benennt. Er möchte nicht, dass Eva an der Mediation teilnimmt.

Laurenz Saw wirkt in unserem Gespräch am wenigsten greifbar. Er antwortet knapp, manchmal ausweichend: „Ich will eigentlich nur, dass keiner Streit hat. Über Geld rede ich nicht gern.“ Auf Nachfrage, was er sich für seine eigene Zukunft wünsche, zuckt er mit den Schultern: „Weiß nicht. Hauptsache, Mama macht sich keine Sorgen mehr.“ Diese Konfliktscheu notiere ich mir als wichtige Hypothese: Möglicherweise ordnet Laurenz eigene Bedürfnisse dem Wunsch nach Harmonie unter – ein Muster, das ich im weiteren Verlauf behutsam hinterfragen möchte, ohne ihn zu drängen.

Vier Menschen, vier sehr unterschiedliche Ausgangslagen – und eine gemeinsame Sitzung, die nun beginnt.

Phase 1: Die Einführung – Rahmen und Vertrauen schaffen

Der Raum ist vorbereitet: helles Tageslicht, ein neutraler Ort abseits der Betriebsräume, Flipchart und Metaplankarten bereitgelegt. Die Tische sind v-förmig angeordnet, so dass ich alle 4 Medianten im Blick haben kann. Sieglinde, Maike, Gandolf und Laurenz sitzen sich zum ersten Mal seit der Beerdigung wirklich gegenüber.

Nachdem ich mich und meinen Hintergrund vorgestellt habe, frage ich nach Kenntnis über und Erfahrung mit Mediation.

Sieglinde beginnt zögernd: „Ich habe von Mediation vorher noch nichts gehört. Wir haben in unserer Familie Konflikte bisher immer ausgesessen – oder eben nicht.“ Gandolf ergänzt: „Ich kenne das Prinzip aus der Wissenschaft, aber selbst noch nie erlebt.“ Maike sagt knapp: „Ich hoffe vor allem, dass es uns wirklich weiterbringt.“ Laurenz murmelt: „Ich weiß nicht genau, was ich hier tun soll.“

Ich erkläre daraufhin meine Rolle: „Ich bin eine unabhängige, neutrale Person ohne jede Entscheidungsbefugnis. Ich habe keine wirtschaftlichen, familiären oder sonstigen Verbindungen zu Ihnen und behandle alle vier vollkommen gleich. Meine Aufgabe ist es, für Struktur und Fairness im Gespräch zu sorgen – die inhaltliche Lösung erarbeiten ausschließlich Sie.“ Maike hakt nach: „Das heißt, Sie sagen uns am Ende nicht, was fair ist?“„Nein“, antworte ich, „ich fasse zusammen, wiederhole, was ich verstanden habe, und stelle Fragen. Die Entscheidung, worüber, wie lange und in welcher Reihenfolge gesprochen wird, treffen Sie. Eine Lösung liegt ausschließlich in ihren Händen.

Ich betone die Freiwilligkeit: „Dass Sie alle vier heute aus eigenem Willen hier sitzen, ist bereits ein wichtiger Erfolg. Jeder von Ihnen kann dieses Verfahren jederzeit beenden – die Freiwilligkeit gilt während des gesamten Verfahrens.“ Gandolf merkt an: „Freiwillig ist relativ, wenn die Alternative ein jahrelanger Streit mit der eigenen Mutter ist.“ Das lasse ich bewusst unkommentiert.

Ebenso erläutere ich die Eigenverantwortlichkeit: „Sie machen hier die eigentliche Arbeit. Ich moderiere den Prozess – Sie wissen am besten, was Sie brauchen.“ Sieglinde nickt, ihre Stimme ist brüchig: „Ich will nur eines: dass ihr vier euch nach alldem noch in die Augen schauen könnt. Siegmund hat sein Leben in diese Firma gesteckt. Ich ertrage es nicht, wenn sie am Ende auch noch die Familie zerstört.“ Ich greife das auf: „Verstehe ich Sie richtig, dass Ihnen der Umgang der Familienmitglieder nach der Erbregelung besonders am Herzen liegt?“ Sieglinde nickt entschieden.

Kurz grenze ich das Verfahren von einem Gerichtsprozess ab: „Ein Gericht schaut in die Vergangenheit, Sie hätten wenig Einfluss auf den Prozess, und am Ende entscheidet ein Dritter über Ihren Konflikt. Hier haben Sie die Chance, selbst eine zukunftsgerichtete, passgenaue Lösung zu finden.“ Maike kommentiert nüchtern: „Solange am Ende wirklich eine Lösung steht.“

Wir bestätigen die bereits unterschriebene Vereinbarung zum Umgang und zur Vertraulichkeit in der Mediation. Ich bitte noch einmal ausdrücklich um mündliche Bestätigung: „Ich bin gesetzlich zur Verschwiegenheit verpflichtet und habe sogar ein Zeugnisverweigerungsrecht im Zivilprozess. Können Sie mir bestätigen, dass alles, was hier besprochen wird, im Raum bleibt?“ Alle vier nicken – Laurenz zum ersten Mal mit deutlichem Blickkontakt.

Ich erläutere den weiteren Ablauf der fünf Phasen: von der jetzigen Einführung über die Themensammlung, den Interessenausgleich, die Entwicklung von Handlungsoptionen bis zur möglichen Abschlussvereinbarung. 

Ich weise auf den Einsatz von Flipchart und Metaplankarten hin und darauf, dass Rechts- und Steuerberater bei den anstehenden komplexen Fragen hinzugezogen werden sollten – wobei die Familie entscheidet, ob das sinnvoll ist. „Da sind wir ja schon gut betreut”, merkt Sieglinde an.

Wir klären die äußeren Bedingungen: „Wir machen Pausen nach Bedarf – sagen Sie mir einfach Bescheid.“ Jeder wählt eine eigene Stiftfarbe für seine Karten. Abschließend halte ich das gemeinsame Ziel fest, wie es bereits mit Herrn Fiscus umrissen wurde: eine tragfähige Lösung zur Unternehmensnachfolge und Vermögensauseinandersetzung, die sowohl die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit der Woodstock GmbH sichert als auch den Familienfrieden dauerhaft bewahrt.

Auf dem ersten Flipchart-Blatt notiere ich Datum und Seitenzahl – der Startschuss ist gegeben.

Phase 2: Bestandsaufnahme und Themensammlung

Ich leite über: „Jetzt erarbeiten Sie Ihre Themen – sozusagen Ihr Arbeitsprogramm für diese Mediation. In dieser Phase möchte ich Sie bitten, alle Themen ohne Bewertung zu sammeln. Danach treffen Sie die Auswahl über was in welcher Reihenfolge gesprochen wird. Dem Prinzip der Freiwilligkeit folgend, wird nur gesprochen, worüber alle sprechen wollen. Gibt es soweit Fragen? Sieglinde? Maike? Gundolf? Laurenz?” Alle 4 schütteln mit dem Kopf.

Wir starten in die Bestandsaufnahme: „Warum sind Sie heute hier? Wie stellt sich die Situation aus Ihrer Sicht dar?

Sieglinde beginnt: „Wir müssen klären, wie es mit der Firma weitergeht, wem was gehört – und ich möchte, dass wir das fair und ohne Streit hinbekommen. Ich möchte auch in Zukunft mit allen zusammen das Weihnachtsfest feiern.“

Maike ergänzt unmittelbar, fast drängend: „Wir müssen über die Maschinen reden. Ein Teil ist zwanzig Jahre alt. Wenn wir nicht bald investieren, verlieren wir Aufträge – das ist keine Frage von Wollen, sondern von Überleben.“

Gandolf reagiert prompt, seine Stimme wird schärfer: „Und wer garantiert mir, dass mein Erbteil nicht einfach in Maschinen verschwindet, über die ich nie mitentscheiden durfte?“

Ich sammle zunächst nur, ohne zu bewerten: „Ich notiere das als zwei Themen: Investitionsbedarf in der Firma – und Mitspracherecht bei unternehmerischen Entscheidungen.

Sieglinde meldet sich erneut, ihre Stimme wird brüchig: „Und was ist mit meinem Spielzeug? Ich weiß, es klingt nebensächlich neben Millionenwerten. Aber es ist das Einzige, was ich in den letzten Jahren selbst geschaffen habe – nicht nur Siegmunds Witwe zu sein.“ Ich reagiere behutsam: „Das klingt nicht nebensächlich. Es klingt, als ginge es dabei auch um Ihren eigenen Platz nach dem Verlust Ihres Mannes.“ Ich schreibe das Thema auf eine eigene Karte.

Laurenz, direkt angesprochen, weicht zunächst aus: „Ich brauche eigentlich nichts. Mama will halt, dass ich was Vernünftiges mache.“ Sieglinde wirft ein: „Weil ich mir Sorgen mache, Laurenz! Du bist erst zwanzig und lebst allein in dieser Kolonie…“ Laurenz presst die Lippen zusammen und schweigt. Ich greife ein, bevor daraus ein Mutter-Sohn-Gespräch am Rande des großen Kreises wird: „Ich notiere das Thema ‚berufliche Zukunft und Sorge um Laurenz‘ als eigenen Punkt – wir werden gezielt Raum dafür schaffen, ohne dass es heute schon geklärt werden muss. Passt das für sie beide?“ Ein Nicken beider bestätigt meine Zusammenfassung.

Auch Gandolfs Satz aus dem Einzelgespräch nehme ich als Thema mit auf: „Es geht nicht nur ums Geld, sondern auch darum, wie in dieser Familie über meinen Beruf gesprochen wird.“ Ich formuliere es als Thema „Anerkennung unterschiedlicher Lebenswege in der Familie“ – bewusst neutral, ohne Schuldzuweisung.

Einige aufkommende Lösungsideen – etwa Maikes spontaner Vorschlag, ein neues Geschäftsfeld neben dem Fenstereinbau aufzubauen – parke ich ausdrücklich: „Das ist eine interessante Idee, die wir uns aufheben. Wir kommen im entsprechenden Schritt der Mediation gezielt darauf zurück.

Am Ende der Sammlung liegen zahlreiche Karten auf dem Tisch: Unternehmensnachfolge, Investitionsbedarf, Mitspracherechte, Immobilienverteilung, Sieglindes Spielzeugprojekt, Laurenz‘ berufliche Zukunft, Anerkennung unterschiedlicher Lebenswege. Die Familie clustert die Karten zu Themenfeldern und legt die Reihenfolge, in der die Themen bearbeitet werden sollen, fest.

Wir vereinbaren, zunächst mit den emotional aufgeladenen, aber grundlegenden Fragen zu beginnen: der Unternehmensnachfolge und dem Verhältnis der Geschwister zueinander, bevor wir uns den finanziellen Detailfragen zuwenden. Die Erfahrung zeigt, dass es hilfreich ist, die emotionalen Themen zuerst zu klären. Die Sachfragen lösen sich dann häufig wie von selbst.

Ich dokumentiere die Ergebnisse an der Metaplanwand mit einem Foto. Nach einem anstrengenden, aber produktiven ersten Tag vereinbaren wir einen Folgetermin für das Herzstück des Mediationsverfahrens: den Verständigungsprozess.

Reflexion zur Sitzung

Die sorgfältige Einführungsphase zahlt sich unmittelbar aus: Weil jeder verstanden hat, dass ich keine Entscheidungen treffe und die Vertraulichkeit gesichert ist, können Sieglinde, Maike, Gandolf und Laurenz bereits in der Themensammlung erstaunlich offen sprechen. Die vorbereitenden Einzelgespräche haben mir geholfen, erste Hypothesen zu bilden – Maikes Sorge um Anerkennung ihrer Lebensleistung, Gandolfs Ringen zwischen finanziellem Anspruch und dem Wunsch nach Wertschätzung, Sieglindes Bedürfnis nach eigenem Sinn jenseits der Witwenrolle, Laurenz‘ stille Konfliktscheu.

Aus meiner eigenen unternehmerischen Erfahrung weiß ich: Wer versucht, solche Emotionen in der Bestandsaufnahme zu übergehen oder vorschnell zu sachlichen Verhandlungspunkten überzugehen, handelt sich in den späteren Phasen unweigerlich Blockaden ein. Die konsequente Trennung von Sachthemen und den dahinterliegenden Bedürfnissen – ohne sie bereits zu bewerten – schafft die notwendige Grundlage für den nächsten, entscheidenden Schritt.

Im Teil 4 dieser Serie: Phase 3 – der Interessenausgleich, der inhaltliche Schwerpunkt dieser Mediation. Wie treten wir hinter Sätzen wie „Ich will meinen Anteil“ oder „Ich brauche Anerkennung“ zurück, um die eigentlichen Bedürfnisse von Sieglinde, Maike, Gandolf und Laurenz herauszuarbeiten – und wie gelingt es, daraus eine gemeinsame Verhandlungsgrundlage zu entwickeln?

Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den Blog und präsentiert eine Vielzahl von Artikeln, Einblicken und Ressourcen, um Leser zu informieren und zu inspirieren.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert