Mediation bei Unternehmensnachfolge im Handwerk – wirtschaftlichen Erfolg und familiären Frieden sichern
Phase 3: Interessenausgleich – das Herz der Mediation
Ein Praxisfall aus der Wirtschaftsmediation – Serie Teil 4 von 7
Vom Thema zum Interesse
Nach der Themensammlung liegt eine Reihe von Karten vor uns: Unternehmensnachfolge, Investitionsbedarf, Mitspracherechte, Immobilienverteilung, Sieglindes Spielzeugprojekt, Laurenz‘ berufliche Zukunft, Anerkennung unterschiedlicher Lebenswege. Wir haben eine Reihenfolge festgelegt und beginnen mit dem grundlegendsten Thema: der Unternehmensnachfolge.
Bevor wir starten, erkläre ich der Familie den nächsten Schritt: „Wir haben jetzt die Themen gesammelt. Jetzt geht es darum, herauszufinden, was Ihnen bei jedem Thema wirklich wichtig ist – Ihre Interessen und Bedürfnisse dahinter. Das ist der zentrale Schritt dieser Mediation. Das Verstehen und der Austausch der eigenen Interessen und der Interessen der anderen ist die Voraussetzung für den nachhaltigen Erfolg. Sind Sie dazu bereit?“
Alle vier nicken, wenn auch mit unterschiedlicher Überzeugung. Ich ergänze: „Dieser Schritt ist das Herz der Mediation. Wir lassen uns deshalb Zeit, bis alle Interessen und Bedürfnisse, die Sie zu einem Thema haben, erkundet sind.“
Ich hänge ein Flipchart mit einer T-Matrix auf: eine Spalte pro Partei, jeweils in der zugeordneten Stiftfarbe – Sieglinde in Grün, Maike in Blau, Gandolf in Rot, Laurenz in Orange. „Wir machen das für Sie alle nacheinander. Ich bitte Sie, den jeweils anderen zunächst nicht zu kommentieren.“
Thema Unternehmensnachfolge: Was steckt hinter den Positionen?
Ich wende mich zunächst an Maike: „Was ist Ihnen bei diesem Thema wichtig? Welche Aspekte sind für Sie besonders relevant?“
Maike überlegt kurz, dann kommt es sehr klar: „Mir ist wichtig, dass ich die Firma so führen kann, wie ich es für richtig halte – mit klaren Entscheidungsbefugnissen, nicht als ewige Prokuristin, die am Ende doch nichts allein entscheiden darf. Ich brauche Planungssicherheit, um die Investitionen anzugehen, die jetzt fällig sind.“ Ich notiere in ihrer Spalte: Entscheidungsbefugnis, Planungssicherheit, unternehmerische Eigenständigkeit.
Ich bitte sie, das noch positiv zuzuspitzen: „Wenn Sie das, was Sie brauchen, in einem Satz beschreiben – was wollen Sie, nicht was wollen Sie nicht?“ Maike: „Ich will als vollwertige Unternehmerin anerkannt werden – rechtlich und in der Familie.“
Gandolf ist an der Reihe. Ich frage: „Was ist Ihnen im Hinblick auf eine Lösung bei diesem Thema wirklich wichtig?“ Er zögert, spricht dann langsamer als sonst: „Mir ist wichtig, dass meine Beteiligung am Erbe nicht nur eine Randnotiz ist, weil ich nicht im Betrieb arbeite. Ich habe auch ein Recht auf einen fairen Anteil am Lebenswerk meines Vaters – auch wenn ich einen anderen Weg gegangen bin.“ Ich schreibe in Rot: Fairer Anteil, Gleichwertigkeit der Lebenswege, finanzielle Absicherung.
Ich hake nach: „Und wenn Sie das ins Positive wenden – was genau würde Ihnen zeigen, dass Ihr Weg als gleichwertig anerkannt wird?“ Gandolf antwortet nach einer Pause: „Vielleicht, dass niemand mehr sagt, ich hätte ‚ja nichts Vernünftiges gelernt‘, wenn es um die Firma geht.“
Sieglinde meldet sich von sich aus: „Mir ist wichtig, dass die Firma erhalten bleibt – das war Siegmunds Lebenswerk. Aber genauso wichtig ist mir, dass keiner meiner Kinder das Gefühl hat, zu kurz zu kommen.“ Ich notiere in Grün: Erhalt des Lebenswerks, Gerechtigkeit unter den Kindern, Familienzusammenhalt.
Laurenz braucht spürbar mehr Zeit. Ich formuliere die Frage bewusst offen: „Was ist Ihnen bei der Zukunft der Firma wichtig, auch wenn Sie selbst nicht dort arbeiten wollen?“ Nach einer langen Pause sagt er leise: „Dass keiner sich mehr anschreit deswegen. Und dass ich nicht ständig gefragt werde, wann ich endlich ‚was Richtiges‘ mache.“ In Orange notiere ich: Familienfrieden, Freiheit für eigenen Lebensentwurf.
Der Blick auf die Bedürfnisse hinter den Interessen
Ich lenke den Fokus konsequent von der Vergangenheit auf die Zukunft: „Lassen Sie uns weniger fragen, wer wem was schuldet, sondern was Sie jeweils brauchen, damit Sie mit einer Lösung gut leben können.“
Bei Maike wird deutlich, dass hinter der Forderung nach Entscheidungsbefugnis das universelle Bedürfnis nach Anerkennung ihrer Kompetenz und Sicherheit für ihre berufliche Zukunft steht. Bei Gandolf zeigt sich hinter dem finanziellen Anspruch das Bedürfnis nach Wertschätzung und Zugehörigkeit. Sieglinde treibt das Bedürfnis nach Sinn und Fortbestand sowie nach Harmonie in der Familie. Laurenz braucht vor allem Ruhe und die Freiheit, seinen eigenen Weg gehen zu dürfen, ohne dafür ständig rechtfertigen zu müssen.
Der Perspektivwechsel: Was können Sie verstehen?
Als alle vier Spalten gefüllt sind, bitte ich um einen bewussten Perspektivwechsel: „Wenn Sie jetzt auf die Liste der anderen schauen – was können Sie verstehen oder vielleicht sogar akzeptieren? Ich würde das mit Ihrer eigenen Farbe unterstreichen.“
Maike nimmt ihren blauen Stift und unterstreicht bei Gandolf den Punkt „Gleichwertigkeit der Lebenswege“: „Das kann ich nachvollziehen. Ich habe wahrscheinlich selbst dazu beigetragen, dass er sich klein fühlt.“ Das ist ein bemerkenswerter Moment – zum ersten Mal spricht ein Familienmitglied eine eigene Mitverantwortung aus.
Gandolf unterstreicht bei Maike den Punkt „Planungssicherheit“: „Das verstehe ich. Ich will nicht, dass die Firma vor die Wand fährt, nur weil wir uns nicht einigen können.“
Sieglinde unterstreicht bei allen dreien den Punkt „Familienfrieden“: „Das ist doch genau das, was ich mir auch wünsche.“
Laurenz, sichtlich erleichtert über die entspanntere Atmosphäre, unterstreicht bei Sieglinde „Familienzusammenhalt“ – sagt aber nichts weiter dazu.
Ich frage gezielt weiter: „Wenn Sie auf die Bedürfnisse von Gandolf schauen – was könnten Sie ihm anbieten?“ Maike überlegt: „Ich könnte mir vorstellen, ihn regelmäßig über wichtige Unternehmensentscheidungen zu informieren, auch wenn er nicht operativ mitarbeitet.“ Das ist noch keine Lösung, aber ein erster Ansatzpunkt, den ich für die kommende Optionsphase festhalte, ohne ihn jetzt schon zu vertiefen.
Gemeinsame Interessen sichtbar machen
Zum Abschluss dieser Sequenz lenke ich den Blick bewusst auf Gemeinsamkeiten: „Für das spätere Verhandeln ist es hilfreich, wenn es gemeinsame oder ähnliche Interessen gibt. Sehen Sie in den Spalten der anderen etwas, das Ihrem eigenen Anliegen ähnelt?“
Nach kurzem Schweigen stellt Sieglinde fest: „Wir wollen eigentlich alle irgendwie denselben Familienfrieden.“ Maike ergänzt: „Und keiner von uns will, dass die Firma vor die Hunde geht – auch Gandolf nicht, glaube ich.“ Gandolf nickt zustimmend, zum ersten Mal ohne Vorbehalt.
Diese gemeinsame Basis – Erhalt der Firma und Familienfrieden – wird zum tragenden Fundament, auf dem wir in der nächsten Phase konkrete Optionen entwickeln werden.
Reflexion des Mediators
Diese Phase zeigt eindrücklich, warum sie zu Recht als das Herz der Mediation bezeichnet wird. Erst durch das konsequente Nachfragen nach dem „Warum“ hinter den Positionen wird sichtbar, dass es Maike nicht nur um Kontrolle, sondern um Anerkennung ihrer Lebensleistung geht; dass Gandolfs Forderung nach einem „fairen Anteil“ eigentlich ein Ruf nach familiärer Wertschätzung ist; dass Sieglinde zwischen dem Erhalt des Lebenswerks ihres Mannes und der Sorge um ihre Kinder changiert; und dass Laurenz vor allem Ruhe und Akzeptanz für seinen unkonventionellen Weg sucht.
Aus meiner eigenen Erfahrung als ehemaliger Geschäftsführer und Begleiter zahlreicher Handwerksnachfolgen weiß ich: Genau an diesem Punkt scheitern viele familieninterne Nachfolgeregelungen, die ohne Mediation versucht werden. Man verhandelt über Positionen – Anteile, Prozente, Eigentumsrechte – ohne die dahinterliegenden Bedürfnisse je ausgesprochen zu haben. Der bewusste Perspektivwechsel und das Sichtbarmachen gemeinsamer Interessen schaffen hier zum ersten Mal echten Boden für eine Lösung, die mehr ist als ein fauler Kompromiss.
Im nächsten Teil dieser Serie: Phase 4 – die Optionenbildung. Wie verwandelt die Familie Saw die neu gewonnene gegenseitige Verständigung in konkrete, kreative Lösungsideen für Unternehmensnachfolge und Vermögensaufteilung?
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Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den Blog und präsentiert eine Vielzahl von Artikeln, Einblicken und Ressourcen, um Leser zu informieren und zu inspirieren.
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